Echte “Wiener Studenten“ gibt es in Wien scheinbar nicht viele. Vorhin, als ich anfangen wollte etwas über meine Wiener Studienkollegen zu schreiben viel mir nämlich auf, dass ich gar keine habe! So sieht’s aus. Damit meine ich nicht, dass meine Freunde aus Wien nicht studieren – das tun sie, von Medizin bis BWL ist alles dabei – aber das sind nun mal meine Freunde. Und nicht Kommilitonen. Das sind die Menschen, die man schon seit Urzeiten aus der Sandkiste kennt und mit denen man in der Oberstufe den Matheunterricht geschwänzt hat. Was natürlich nicht bedeutet, dass aus Studienkollegen im Laufe der Zeit nicht auch sehr gute Freunde werden können.
Auf was ich eigentlich hinaus will, ist der Unterschied, der zwischen “einheimischen“ und “eingewanderten“ Studenten herrscht. Und warum mich Zugezogene oftmals belächeln, wenn ich ihnen von meinen Lebensumständen erzähle.
Nr. 1.: Die meisten hier geborenen WienerInnen wohnen noch zu Hause, wenn sie studieren. Einzig und allein aus dem Grund: Es ist billiger. Was jetzt nicht bedeutet, dass es absolut immer angenehm ist. Partybekanntschaften nach 3 Uhr nachts nach Hause zu bringen, kommt bei WG-Mitbewohnern vielleicht einen Tick besser an als bei den Eltern, die zwei Stunden später aufstehen sollten.
Nr. 2.: WienerInnen lernen nicht in Bibliotheken. Zumindest nicht die, die so wie ich ein wenig abgeschiedener wohnen und nicht in zehn Minuten an der Uni sind. Allein die Fahrt hin und zurück würde mich knapp zwei Stunden meiner Lernzeit kosten. Wobei die Lernerfolge meiner Mitmenschen scheinbar nicht davon abhängen, wo sie lernen – sondern wie effizient sie das notwendige Übel, um sich überhaupt als Student bezeichnen zu dürfen –über die Bühne bringen. Mein Tipp dazu: Handy wegsperren, von Facebook abmelden und in eine Kammer setzen, die von außen versperrbar ist. Dem Familienmitglied seines Vertrauens den Schlüssel geben und ihn darum bitten, erst in zwei bis drei Stunden wieder aufzusperren. Genau so hab ich die Studieneingangsphase wohl in einem Zug geschafft.
Nr. 3.: Niemand wird wohl an irgendwelchen Stadtführungen für Erstsemester teilnehmen, wo einem die “coolsten“ Bars in Wien gezeigt werden. Dafür kennen wir die besten Orte schon viel zu lange. Was hin und wieder – zugegebenermaßen – auch störend sein kann. Die Erfahrung in eine fremde Stadt zu ziehen und alle Vor- und Nachteile, die damit verbunden sind, mitzuerleben, wird vorerst ausgelassen.
Nr. 4.: Irgendwie traurig aber wahr: Dadurch, dass die eigenen Freunde in Wien wohnen, fühlt man sich nicht verpflichtet, zwanghaft Freundschaften zu schließen. Das erklärt auch, warum ich eine mittlerweile sehr gute Freundin anfangs mit meinem scheinbar desinteressierten Verhalten abgeschreckt habe.
Nr. 5.: Wir fahren zum verlängerten Wochenende höchstens zur Oma ins Gartenhaus und nicht in ein anderes (Bundes)land. Es gibt keine zwei Handytarife, die bezahlt werden müssen und kein Heimweh, das einen die Abende vor Skype verbringen lässt.
Nr. 6.: Genauso wie sich die Grazer, Oberösterreicher oder Münchner Menschen zusammenrotten, tun wir es. Es ist für mich noch immer seltsam wenn ich in einer gemütlichen Runde unter Stundenten am Abend als einzige “Einheimische“ dabei bin. Nicht, weil es mich stört, sondern eher weil ich den Ort, von dem alle reden, meist nicht gut kenne. Die Lokale, die sie “zu Hause“ und “in den Ferien“ besuchen, nie von Innen sehen werde.
Die Zugezogenen haben ein richtiges Zuhause. Eines, an dem sie ihre Familie besuchen können und dort Freunde von früher treffen. Sie erzählen von Wien und den verrückten Dingen, die sie erlebt haben und dem Tagesablauf, den sie nun als Studenten haben. Und sie haben auch ein neues Leben. Eines, das sie sich selbst ausgesucht haben.
Wir haben so etwas nicht, die Spur verwischt. Zwar könnte man jederzeit alle besuchen, aber ausgehen tut es sich zeitmäßig trotzdem nicht. Alles hat sich bisher an einem Ort abgespielt. Die Kindheit, die Jugend. Das früher Erwachsenenleben, falls man es denn als solches bezeichnen kann. Die meisten sind nicht mehr als einmal umgezogen. Wenn meine Studienkollegen zuhause sind, ist die Stadt meist leer. Pubs leben von den Massen an ausländischen Studenten und ich weiß, wie leer es unter der Woche im Dickmacks sein kann. Auf dass ihr alle lange hier bleibt und ich euch bei euren Verwandten in Deutschland oder Kroatien besuchen kann, sobald ihr wieder zurück wollt.
