Ich bin immer dankbar für gute Buchempfehlungen. Diesmal war es das Werk “Freiheit“ von Jonathan Franzen, mit dem ich mir die Nachmittage in den Ferien vertrieben habe. 731 Seiten, die ich in vier Tagen verschlungen habe. Ein Buch, das vor allem in den USA zur Zeit seiner Veröffentlichung einen Hype auslöste.
Der Inhalt ist zu komplex um ihn mit einem Satz oder gar einer lächerlichen Seite zusammenfassen zu können. Da gibt es Patty Berglund, eine ehemalige Profibasketballspielerin, die den besten Freund eines damals noch unbekannten Rockmusikers heiratet und mit ihm zwei Kinder – Joey und Jessica – bekommt. Es gibt die Nachbarin Carol mit ihrer Tochter Connie, die seit dem Teenageralter mit Pattys Sohn Joey schläft und dazwischen alle möglichen Feindschaftskonstellationen innerhalb der Familie und der Nachbarschaft, die man sich nur vorstellen kann. Sohn gegen Mutter. Mutter gegen Schwiegertochter. Vater gegen Sohn. Bruder gegen Schwester. Schwester gegen Mutter. Wer nun denkt, dass die Story lediglich nach einem schlechten Hollywooddrehbuch schreit, irrt. Das Buch behandelt politische Thematiken und die dabei von Pattys Ehemann, Walter, empfundene Hilflosigkeit in Bezug auf deren Lösungsalternativen.
Zugegebenermaßen war der Anfang recht mühsam. Wie das bei 700-Seiten-Wälzern so ist, muss man sich erst an die vielen verschiedenen Charaktere gewöhnen und so weit lesen, bis man Patty oder Walter mühelos seinen besten Freunden vorstellen könnte, um der Story richtig zu verfallen. Etwa alle 150 Seiten wird der Fokus der Geschichte auf eine andere Person gelegt, sodass ein immer schlüssigeres Gesamtbild entsteht. Franzen beschreibt die zwischenmenschlichen Beziehungen irrsinnig realistisch und vergisst dabei nicht auf gesellschaftliche und ökonomische Diskurse Bezug zu nehmen. Wer wie ich keine Ahnung von LKW-Ersatzteilzulieferung hat, wird mit den wirtschaftlichen Beziehungen, die Joey pflegt, allerdings keine große Freude haben. Die detaillierten Theorien zum Umwelt- und Artenschutz sowie der Überbevölkerung sind da doch um einiges spannender.
Obwohl der ökologisch stets korrekt lebende Walter anfangs neben Pattys autobiographischem Bericht ziemlich blass und langweilig erscheint, schafft es Franzen ihm im Handlungsverlauf richtiges Leben einzuhauchen und das stereotypische Bild, das sich langsam aber doch abzeichnete, zu zerschlagen. Walter ist im Inneren genauso emotional und – in gewisser Weise – verstört wie seine Frau. Er verfolgt eine politische Ideologie mit einem Elan, der Patty nur milde lächeln lässt.
Jonathan Franzen sagte in einem Interview mit der Bücherkette Barnes & Noble : “Ich glaube, dass Romane genau das tun sollten: Sie sollten größtmögliche Abbilder der Gesellschaft mit den maximal persönlichen Geschichten verknüpfen.” [Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-09/jonathan-franzen-hype]
Wer mich kennt, weiß, dass ich lieber Zitate für mich sprechen lasse. Einige sind so lang, dass sie schon fast als Leseprobe durchgehen könnten. Wer ausführlichere Reviews lesen möchte, weiß sicher, wie er an welche herankommt.

“Es gibt weniges, das man sich schwerer vorstellen kann als die Gespräche anderer Leute über einen selbst.”
Ein Politiker
,,Ich nehme daher an, Sie haben schon einmal die Erfahrung gemacht, anderer, nicht so aufgeweckter Leute wegen frustriert zu sein. Weil die nicht nur unfähig sind, sondern sich auch dagegen sperren, gewisse Wahrheiten anzuerkennen, deren Logik sich Ihrer Meinung nach von selbst versteht. Ja weil es sie anscheinend gar nicht kümmert, dass ihre Logik schlecht ist. Kennen Sie solche Frustrationen nicht?”
Ein Gedankengang, der Walter betrifft
“Während der vergangenen zwei Jahre hatte er viele wütende Stunden auf West Virginias Straßen zugebracht, war den idiotischen Bummlern in den Auspuff gekrochen und dann selbst langsamer geworden, um die unverschämten Auspuffkriecher zu bestrafen, hatte auf Interstates die Innenspur gegen Arschlöcher verteidigt, die ihn rechts überholen wollten, und selbst rechts überholt, wenn irgendein Trottel oder Handyquassler oder scheinheiliger Tempolimitdurchsetzer die Innenspur verstopfte, hatte von den Fahrern, die einfach nicht den Blinker setzen wollten, obsessiv Profile und Analysen erstellt, hatte einen Mörderhass auf die Kohlelasterfahrer entwickelt, die nie Spur hielten und in West Virginia buchstäblich jede Woche tödlichen Urlaub verursachten, wofür er ohnmächtig die korrupten Abgeordneten de Bundesstaates verantwortlich machte, die sich trotz zahlreicher Beweise für die Verheerungen, die die Kohlelaster anrichteten, weigerten, deren Gewichtslimit auf 48 Tonnen zu senken, hatte ‘Unglaublich! Unglaublich’ gemurmelt, wenn ein Fahrer vor ihm bei Grün abbremste, dann beschleunigte und bei Gelb durchfuhr, während er selber vor Rot hängenblieb, hatte eine volle Minute schäumen an Kreuzungen gestanden, obwohl doch meilenweit kein Querverkehr zu sehen war, und mühsam, ihr zuliebe, die Beschimpfung hinuntergeschluckt, die er zu gern hervorstieß, wenn ein Fahrer sich weigerte, bei Rot regelkonform rechts abzubiegen.”
“Man konnte zwar versuchen, das Gift in aufgegebene Schächte zu kippen, doch sickerte es von dort ins Grundwasser und landete dann im Trinkwasser. Es verhielt sich ganz ähnlich wie mit der Scheiße, die aufgewühlt wurde, wenn Leute stritten: Waren bestimmte Dinge erstmal gesagt, wie konnten sie je wieder vergessen werden?”
Patty
“Wäre ich ein vernünftiger, ungebrochener Mensch, würde ich das wahrscheinlich versuchen. Weil ich, wie du weißt, immer gewinnen wollte. Ich war immer eine Kämpfernatur. Aber ich habe eine art Allergie dagegen entwickelt, das zu tun, was vernünftig ist. Ich habe mein Leben damit verbracht, aus Frustration über mich aus der Haut zu fahren.”
Patty
“Mit einer Kreditkarte einen Hotdog oder ein Päckchen Kaugummi kaufen? Also, Bargeld ist ja so was von gestern. Stimmt’s? Bargeld verlangt einem ab, dass man addiert und subtrahiert. Man muss dem Menschen, der einem das Wechselgeld rausgebt, richtig Beachtung schenken. Da muss man einen winzigen Moment lang weniger als einhundert Prozent cool sein und wird aus der eigenen kleinen Welt gerissen. Aber mit einer Kreditkarte passiert einem das nicht. Man überreicht sie ungerührt und nimmt sie ungerührt wieder entgegen.”
,,Nichts verstört das Gefühl von Besonderheit so sehr wie die Anwesenheit anderer Menschen, die sich für genauso besonders halten. Nachdem er vermöge seiner angeborenen Intelligenz und harter Arbeit ein gewisses Maß an Wohlstand und Unabhängigkeit erreicht hatte, wenn auch von beidem nicht annähernd genug, wurde er zu einem Muster an Wut und Enttäuschung.”
Walter
,,Er sah seine Freundin an, deren zupackende Hände auf dem Lenkrad, deren leuchtende Augen auf der Straße ruhten, und dachte, er werde noch platzen von seinem Wunsch, wie sie zu sein, noch platzen vor lauter Dankbarkeit, dass sie sich nicht daran störte, dass er er selber war. ‘Mein Problem ist, ich mag die Menschen nicht genug’, sagte er. ‘Ich glaube nicht so recht, dass sie sich ändern können.’”
Eine von Pattys Schwestern
,,Die Talente, die ich habe, sind in dieser Welt offenbar nicht gefragt. Deshalb ist es besser, wenn ich sie für mich selbst nutzen kann. Ich möchte wirklich nur in Ruhe gelassen werden, Patty. Mehr verlange ich inzwischen gar nicht mehr. Nur, dass man mich in Ruhe lässt.”
Walter zum Thema Überbevölkerung. Ein, meiner Ansicht nach, recht heftiger Ansatz.
,,Dann beginnen wir jetzt mit dem Problem”, sagt Walter. ,,Das Problem ist, dass niemand es wagt, die Überbevölkerung zum Bestandteil des landesweiten Diskurses zu machen. Und warum nicht? Weil das Thema alle runterzieht. Weil es wie von gestern wirkt. Weil wir, wie bei der Erderwärmung, noch nicht ganz den Punkt erreicht haben, wo die Folgen unbestreitbar werden. Und weil wir elitär wirken, wenn wir den Armen und Ungebildeten sagen, sie sollen nicht so viele Kinder kriegen. Eine große Familie zu haben steht in einem umgekehrten Verhältnis zum wirtschaftlichen Status, ebenso das Alter, in dem Mädchen ihre ersten Kinder bekommen, was aus etlichen Perspektiven genauso schädlich ist. Man kann die Wachstumsrate allein schon dadurch halbieren, dass man das Durchschnittsalter der Erstgebärdenden von achtzehn auf fünfunddreißig verdoppelt. Das ist einer der Gründe, warum Ratten sich so viel mehr als Leopoarden vermehren – weil sie so viel früher geschlechtsreif werden.”
,,Allein schon in der Analogie steckt natürlich ein Problem”, sagte Katz.
,,Genau”, sagte Walter. ,,Das ist wieder diese Elite-Kiste. Leoparden sind eine ‘höhere’ Art als Ratten oder Kaninchen. Ein weiterer Aspekt also des Problems: Wir machen arme Leute zu Nagern, wenn wir die Aufmerksamkeit auf ihre hohe Geburtenrate und ihr niedriges Alter bei der ersten Fortpflanzung lenken.”
Danke an Manuel.